Mama Muh bilanziert positiv

Milch von Bauernhöfen, auf denen die Kälber lange bei ihren Müttern bleiben dürfen, ist ökologisch wettbewerbsfä...

Kühe und ihre Kälber stehen auf einer grünen Weide.
Wie aus dem Bilderbuch: Milch- und Ammenkühe mit Nachwuchs am Biobauernhof Seewald im oberösterreichischen Molln, der seine Milch an die Käserei Schlierbach liefert. Bild: Stefan Kirchweger.

Friedlich ruhen Milchkühe auf einer Streuobstwiese. Ein seltener Anblick: Teil der Herde sind Kälber. Einige davon trinken zwischendurch immer wieder bei ihren Müttern. Andere haben sich bereits an ihr Dasein als Wiederkäuer gewöhnt, fressen selbst frisches Gras. Niemand wird bezweifeln, dass es den Rindern gut geht. Sie können ihr Sozialverhalten ausleben, haben Auslauf und artgemäßes Futter, halten das Grünland fruchtbar, die Artenvielfalt hoch. Doch hinter jeder landwirtschaftlichen Idylle steckt neben Schweiß und harter Arbeit auch ein betriebswirtschaftliches Konzept. Anders lassen sich Bauernhöfe langfristig nicht führen. Dabei gibt es zwei grundsätzliche Stoßrichtungen. Die eine setzt auf »High Output« und maximalen Ertrag. Dafür wird intensiv gewirtschaftet, werden für Felder und Wiesen synthetische Düngemittel und für die Tierhaltung Futtermittel von anderen Betrieben zugekauft. Wird Milch produziert, dann die größtmögliche Menge. Dieser Denkart folgend werden Milchkuh und Kalb deshalb bereits kurz nach der Geburt getrennt. Dann liefert die Kuh möglichst rasch wieder Milch. Bis zu 12.000 Liter im Jahr können das pro Kuh sein. Am anderen Ende der Skala steht der »Low Input«-Ansatz. Er wirtschaftet unter minimalem Einsatz externer Betriebsmittel (wie Kraftfutter, Dünger, Spritzmittel und Treibstoff) und nutzt vor allem betriebseigene Ressourcen eines Hofs. In der Milchwirtschaft kann das bedeuten, die Kälber lange bei den Kühen zu belassen. Vieles spricht dafür: Tierwohl, die Gesundheit der Herde beispielsweise; auch: weniger Arbeit beim Füttern der Kälber.

»Low Input« vs. »High Output«

In einem noch unveröffentlichten Paper belegt Stefan Hörtenhuber, Nutztierwissenschaftler an der Boku und spezialisiert auf Nachhaltigkeitsanalysen, nun, dass auch die Ökobilanz für diese sogenannte »muttergebundene Kälberaufzucht« spricht. Das sei, sagt er, durchaus auch für ihn eine Überraschung gewesen. »Unsere Arbeitshypothese war eigentlich, dass die Ökobilanz dieser Betriebsweise eher schlecht ist.« Denn berechnet werden die Klima- und die ganzheitlichere Ökobilanz anhand der Emissionen pro Kilogramm eines Produkts, das am Ende für die Ernährung zur Verfügung steht. Seine ursprüngliche Annahme: »Wenn eine Milchkuh in der muttergebundenen Kuhhaltung ohne Einsatz von Kraftfutter im Jahresschnitt 5500 Liter Milch produziert, davon aber nur 4000 Liter gemolken werden können, weil ihr Kalb 1500 Liter säuft, dann – so dachten wir zumindest – wäre das unterm Strich für die Ökobilanz pro Liter Milch schlecht, weil sich die Emissionen der Kuh auf weniger Liter Milch verteilen«, sagt der Forscher. Dass der Liter Milch in beiden Betriebsweisen aus Sicht der Klimabilanz unterm Strich »ohne wesentlichen Unterschied« produziert wird, liegt beispielsweise an den Umweltwirkungen, die in der intensiven »High Output«-Milchwirtschaft über Kraftfutter und synthetische Düngemittel zugekauft werden.

Muttergebundene Kälberaufzucht

So wird die Haltungsform bezeichnet, die Milchkühe und ihre Kälber auch mehrere Monate nach der Geburt beisammenlässt. Die Kälber trinken bei ihren Mutterkühen, so lange sie wollen. Üblicherweise werden Kuh und Kalb kurz nach der Geburt getrennt. Muttergebundene Kälberaufzucht bedeutet, dass weniger Milch vermarktet werden kann. Teilweise wird auch die kuhgebundene Kälberaufzucht praktiziert, auch Ammenkuhhaltung genannt. Dabei trinken mehrere Kälber bei einer Kuh. Nicht zu verwechseln sind diese Praktiken mit der sogenannten Mutterkuhhaltung. Dabei handelt es sich um eine extensive Form der Fleischproduktion, bei der Mutterkühe nicht gemolken, sondern mit Kälbern auf Grünland gehalten werden. Das Fleisch des Nachwuchses wird im Jungrindalter (sechs bis zwölf Monate) vermarktet, z. B. als Weidejungrind.

Interdisziplinäres »Cow Learning«

Gewonnen wurden diese Erkenntnisse im Rahmen des fünfjährigen interdisziplinären Forschungsprojekts »Cow Learning«, an dem eine Vielzahl von ForscherInnen (u. a. der BOKU und der Vetmed Uni Wien) Szenarien entwickelt, in welche Richtung sich die Rinderhaltung entwickeln könnte und – aus Sicht der planetaren Grenzen, des Tierwohls und der Ökosystemleistungen – wohin sie sich entwickeln sollte. Dafür werden 80 österreichische Betriebe, die Rinder halten, untersucht. 50 davon sind Milchviehbetriebe, 20 – übrigens allesamt biozertifiziert – praktizieren die muttergebundene Kälberaufzucht oder arbeiten, durchaus vergleichbar, mit Ammenkühen. Einen Nachteil hat diese besondere Betriebsweise dennoch, so Hörtenhuber: »Low Input produziert weniger nahrungstaugliches Protein.« Dem Forscher gemäß haben deshalb beide Betriebsweisen ihre Berechtigung. Er plädiert für ein standortangepasstes Nebeneinander: »Gibt es Wiesen, Weiden und Almen, dann sind diese zu nutzen. Ackerflächen sollten höchstens im Rahmen einer Fruchtfolge für den Anbau von Futtermitteln genutzt werden, beispielsweise, wenn ich zwischendurch Luzerne anbauen muss, um Stickstoff im Boden zu binden.« In Österreich spreche in fast allen Regionen viel für mehr »Low Input«-Ansätze bei der Milchproduktion. Einzige Einschränkung: Das Forschungsprojekt läuft noch. Ob sich diese besonders nachhaltige Betriebsweise auch ökonomisch rechnet, muss erst bilanziert werden.

2022 widmete BIORAMA einen Schwerpunkt dem Rind. Dabei wurden auch Biobetriebe porträtiert, auf denen Kälber nicht früh von den Milchkühen getrennt werden.

BIORAMA BIOKÜCHE #5

Dieser Artikel ist im BIORAMA BIOKÜCHE #5 erschienen

Biorama abonnieren

VERWANDTE ARTIKEL