Windkraft akzeptieren
Windkraft bedeutet eine weit sichtbare Veränderung...
Photovoltaik- und Wasserkraftanlagen sind im Gegensatz zu Windkraft weniger oder zumindest auf geringerer Fläche landschaftsbildprägend. Die sich dadurch bietende Angriffsfläche sorgt dafür, dass der Diskurs darüber sich wesentlich von dem über andere Energieformen unterscheidet. Wasserkraft bedeutet zwar durchaus große Bauten und einen massiven Eingriff in Natur, Wasserläufe oder auch Fischwanderrouten – unter den Formen erneuerbarer Energie ist Windkraft aber die, die in Österreich dort, wo Anlagen gebaut werden sollen, auf den heftigsten Protest stößt. Und sie wird wie im Jänner 2025 in einer Volksabstimmung in Kärnten populistisch und politisch benützt. »Eine Volksbefragung ist der schlechteste Weg, um die Bevölkerung in eine solche Frage miteinzubinden«, ist Patrick Scherhaufer, Leiter der Inter- und Transdisziplinären Nachhaltigkeits- und Demokratieforschung und stellvertretender Leiter im Bereich Europäische Umweltpolitik an der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien, überzeugt. Mit »Transwind« wurde an der Boku bereits 2015 ein Projekt abgeschlossen, das sich der sozialen Akzeptanz von Windkraftanlagen widmete. Seitdem wird an der Boku weiter zu dem Thema geforscht – unter anderem in Visualisierungslaboren, in denen mit verschiedenen Interessengemeinschaften und betroffenen Akteuren in ganz Österreich fiktive Windparkprojekte diskutiert werden.
FFH-Richtlinie
Die RICHTLINIE 92/43/EWG des Rates der Europäischen Union vom 21. Mai 1992 zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen ist als »Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie« bekannt.
Sichtbarkeit
Den Hauptgrund für die Ablehnung von Windkraftanlagen sieht Scherhaufer in deren Sichtbarkeit: »Windkraft mit ihren drehenden Elementen, der Schattenbildung, der gut sichtbaren Technologie oder auch dem roten Licht in der Nacht verändert eine Landschaft und spielt deswegen die größte Rolle. Interessanterweise ist die Ablehnung bei jenen, die schon länger an einem Ort wohnen und daran gewöhnt sind, dass sich dieser verändert, geringer als bei jenen, die erst kürzer vor Ort sind und vielleicht in einem Zweitwohnsitz eine Idylle erhalten wollen«, erzählt er über die Beobachtungen aus seiner Forschung. Zu anderen den Menschen betreffenden Einwände gehört etwa die Lärmbelästigung durch Windkraft, die aber, wenn die vorgeschriebenen Abstände zum Siedlungsgebiet berücksichtigt werden, schwer als relevante Einflussgröße darstellbar ist. Aus der Sicht von Betroffenen kann es aber eine große Auswirkung auf deren Akzeptanz haben. Lärm und geänderte Luftströmungen haben auf alle Fälle einen Einfluss auf Vögel. Umweltauflagen sind höchst relevant – auch wenn man immer diskutieren kann, ob diese im Sinne des Schutzes der Artenvielfalt ausreichend sind. Natur- und Artenschutzfragen sind überprüfbare Faktoren, wie zum Beispiel die durch die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie und Vogelschutzrichtlinie der EU vorgegebenen Parameter. Ein internationales Forschungsteam mit Boku-Beteiligung hat erst kürzlich gesammelt die Auswirkungen der Windenergie auf Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft und Recht untersucht, in 14 Kategorien zusammengefasst, unter anderem um eine verbesserte Grundlage für politische Entscheidungen zu liefern.

Für die Herausforderungen in der Vereinbarkeit von Energiewende und Klimaschutz mit der Naturverträglichkeit lassen sich vielfach Lösungen, etwa durch Ausgleichsmaßnahmen, finden. Scherhaufer sieht in Sachen Akzeptanz der Bevölkerung eine große Bandbreite: »In der Gruppe der Unentschlossenen kann sehr gut mit Informationen, mit Einbindung oder mit einer Abänderung der Pläne gearbeitet werden, damit ihre Anliegen und die der Natur ernst genommen werden.« Es gebe aber auch eine Korrelation mit dem Glauben an Verschwörungstheorien – bei dieser Gruppe sei mit sachlichen Informationen zu den Vor- und Nachteilen eines Windpark-Standorts erfahrungsgemäß oft wenig zu erreichen. Und Scherhaufer gibt zu bedenken: »Der Begriff Klimaschutz ist mittlerweile so stark aufgeladen, dass er als Argument bei einigen Bevölkerungsgruppen oft mehr schadet, als nützt.« Relevanter und überzeugender sind hier oft monetäre Argumente.
Verteilungsgerechtigkeit
Denn mit Windkraftanlagen lässt sich gut Geld verdienen. Geld, das nicht nur den Betreibern zugutekommen soll, sondern auch über Pacht und Beteiligungen den Grundstückseigentümern und der Gemeinde, die damit einen Kindergarten oder andere Einrichtungen finanzieren kann. »Es hilft, wenn in der Gemeinde der Strom günstiger angeboten werden kann, oder es andere Formen der direkten und indirekten Beteiligung am erzeugten Strom gibt«, sagt Scherhaufer.
»Wenn es die Bereitschaft gibt, von 20 geplanten Windrädern drei nicht zu bauen oder nicht an der geplanten Stelle, können damit viele Diskussionen und viel Widerspruch aufgelöst werden.«
Patrick Scherhaufer, Boku Wien
Entscheidend ist laut seiner Erfahrung die frühe und offene Einbindung der BewohnerInnen und AnrainerInnen. Dabei müssen Informationen zur Verfügung gestellt werden und es braucht die Bereitschaft, auf Bedenken einzugehen. »Wenn es die Bereitschaft gibt, von 20 geplanten Windrädern drei nicht zu bauen oder nicht an der geplanten Stelle, können damit viele Diskussionen und viel Widerspruch aufgelöst werden«, weiß er aus seiner Forschung. Und es gibt auch regionale Unterschiede, die aber auf viele Faktoren zurückzuführen sind. Im Westen Österreichs ist Windkraft nicht nur weniger ein Thema, weil touristische Regionen von Landschaft und Ausblick profitieren, sondern etwa auch, weil viele Hanglagen oder Schutzwälder in den Bergen keine Windkraftanlagen zulassen. Dahingegen konnte ein starker Landeshauptmann im Burgenland in einer lange Zeit strukturell eher benachteiligten Region mit dem Vorteil einer sehr geschlossenen Siedlungsstruktur viel umsetzen und die Bevölkerung sah in erster Linie die Vorteile. Neben dem Burgenland ist vor allem Niederösterreich besonders stark beim Thema Windkraft: Von Ende 2024 1.451 in Österreich installierten Windkraftanlagen stehen 823 in Niederösterreich und 456 im Burgenland.
Grundstückspreise
Ältere Studien legten nahe, dass Grundstückspreise aufgrund naher Windkraftanlagen um bis zu 2 % im Wert sinken können. Aktuellere Untersuchungen zeigen, dass der Wert aber auch steigen kann.
Schutz der Biodiversität
Scherhaufer spricht sich dafür aus, die Auswirkungen von Windkraft auf den Natur- und Artenschutz regional besser zu erforschen und damit beurteilen zu können. Einerseits damit zusammenhängende Habitate nicht zerstört werden, andererseits um mögliche Ausgleichsmaßnahmen finden zu können. Er ist überzeugt, dass es mehr Windkraft und erneuerbare Energie braucht. Das wichtigste Instrument für deren Erfolg ist für ihn die offene Einbindung der Bevölkerung. Nachdem Gemeinden damit mitunter überfordert sind, braucht es überregional entsprechende Unterstützung, verbindliche Regeln und politisches Leadership. Darüber hinaus braucht es überzeugte Einzelpersonen, die in einer Windkraftanlage in der Nähe ihres Wohnortes oder auch ihres Betriebes ein positives Signal für eine lebenswerte Zukunft sehen. Wie einen Gastronomen, der seinen Leitbetrieb in der Nähe eines idyllischen Sees betreibt und den Patrick Scherhaufer gerne zitiert: Gästen, die sich an einem Windrad, das ihre Aussicht beeinträchtigt, stören, erklärt dieser einprägsam, dass ihr Schnitzel und ihr Kaffee in der Zubereitung Energie brauchen und diese froh sein sollen, dass diese aus Windkraft kommt und nicht etwa aus Kohle.

Der Politikwissenschafter Patrick Scherhaufer leitet die Gruppe Inter- und Transdisziplinäre Nachhaltigkeits- und Demokratieforschung an der Boku Wien
BIORAMA berichtete bereits 2019 über den Konflikt zwischen dem in Niederösterreich geplanten Ausbau der Windkraft und dem Widerstand lokaler BürgerInneninitiativen.
BIORAMA Niederösterreich #15
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