Wer artgerecht sagt, muss auch Zweinutzung sagen.
Die schwachbrüstigen Bruderhähne der Biolegehennen werden nicht mehr gleich als Küken getötet...
Aus Kinderbüchern über Tiere auf dem Bauernhof sind sie nicht wegzudenken: das lautmalerische Kikeriki, der stolze Hahn und die Küken, die von einer fürsorglichen Glucke bewacht werden. Die Realität sieht längst anders aus. Fast überall werden Küken aus kommerziellen Brütereien gekauft, statt der einst bunten Vielfalt am Geflügelhof dominieren hochgezüchtete Hybridtiere, die zu Tausenden gehalten werden, schnellstmöglich zur Schlachtreife heranwachsen oder bis zu 300 Eier pro Jahr legen – je nachdem, ob Fleisch oder Eier produziert werden. Selbst wenn am Straßenrand aus mobilen Hühnerställen oder Eierautomaten – bioregional oder nur regional – Eier zum Verkauf angeboten und gruppenweise nur ein paar Hundert Tiere gehalten werden: Die Spezialisierung hat die Zuchtlinien von Masthühnern und Legehennen bereits seit Jahrzehnten getrennt. Nur in der Hobbyhühnerhaltung oder zur Selbstversorgung der bäuerlichen Familien kommen noch alte – oft bedrohte – Hühnerrassen zum Einsatz, die deutlich weniger Eier legen und langsamer und zudem weniger Fleisch ansetzen. Im kommerziellen Bereich sind Rassen wie der flugfähige Bergische Kräher, das einst auch von Gourmets geschätzte Sulmtaler oder das Altsteirer Huhn mit ihren 130, 160 oder 180 Eiern im stärksten ersten Legejahr nicht mehr wettbewerbsfähig. Diese Spezialisierung hat ihren Preis: Moderne Masthühner können als wandelnde Brustmuskelmasse kaum noch gehen. Hochgezüchtete Legehybride produzieren dermaßen viele Eier, dass das dafür benötigte Kalzium trotz zugefüttertem Muschelgrit das Knochenwachstum der Tiere beeinträchtigt.
Ein Problem der Spezialisierung
Und während es die Fleischgenetik ermöglicht, Henne und Hähnchen gleichermaßen zu mästen (weil beide Geschlechter ordentlich Muskelmasse ansetzen), sind die schwachbrüstigen Bruderhähne der Legehennen nicht wirklich zu gebrauchen.
Hennen, die viele Eier legen, haben Brüder, die langsam wachsen. Lange wurden deshalb alle männlichen Küken gleich nach dem Schlüpfen getötet; auch jene der Biolegehennen. Der Biobereich hat diese Praxis weitestgehend beendet, wenn auch erst seit ein paar Jahren und gewissermaßen als freiwillige Branchenlösung für mehr Tierwohl.

Lösungsansatz 1: der querfinanzierte Mastgockel
Die Mast der langsam wachsenden männlichen Tiere wird durch höhere Eierpreise querfinanziert. So bleibt das »Gockel«-Fleisch bezahlbar und wird tiefgekühlt, in Konserven oder als Geflügelwurst – durchaus erfolgreich – unter klingenden Namen wie »Bruderhahn«, »Bruderwohl« oder »Hähnlein« vermarktet. »In Österreich werden im Biobereich alle Brüder der Legehennen aufgezogen«, sagt Robert Sperrer, Prokurist vom oberösterreichischen Geflügelbetrieb Eiermacher. Das entspricht etwa 600.000 Tieren im Jahr. »In Deutschland verpflichten die meisten Handelsketten die Lieferanten von Bioeiern, die Bruderhähne der Biolegehennen aufzuziehen«, sagt Sperrer. Bioverbände wie Bio Austria, Naturland oder Bioland verlangen von ihren Mitgliedsbetrieben außerdem, dass die Hähne in Österreich oder Deutschland auf Biohöfen aufgezogen werden (meist passiert das auf spezialisierten Betrieben) – und nicht irgendwo im Ausland auf konventionellen Mastanlagen verschwinden. »In der Praxis sieht das so aus, dass Naturland-LegehennenhalterInnen beim Kauf der Junghenne einen Aufschlag für den Bruderhahn bezahlen«, erklärt Markus Fadl, Sprecher des Naturland-Verbands, »diesen Aufschlag bekommt der Mastbetrieb, der die Bruderhähne aufzieht. Koordiniert wird das über die Brütereien«.
Bioverbände garantieren Tierwohl
Die Mitgliedschaft in einem Bioverband ist allerdings freiwillig. Jeder Biobetrieb kann sich auch entscheiden, einfach nach den etwas niedrigeren gesetzlichen Vorgaben der EU-Bioverordnung kontrollieren zu lassen. »Zirka die Hälfte der deutschen Bioeierproduktion wird als EU-Bio-Eier vermarktet«, sagt Robert Sperrer. Das bedeutet: Jedes zweite deutsche Bioei stammt von einem Geflügelhof, der »nur«die EU-Biovorgaben erfüllt. »Deren Bruderküken werden vorwiegend im Ausland, vor allem in Polen, aufgezogen«, sagt Branchenkenner Robert Sperrer. Wie und wo ihr Fleisch vermarktet wird, ist unklar.
Wobei mittlerweile alle Biolabels in Österreich und Deutschland garantieren, dass keine männlichen Küken gleich nach dem Schlüpfen geschreddert oder irgendwie anders getötet werden. Auch dürfen nicht einfach junge konventionelle Legehennen aus dem Ausland importiert werden.
Mehrwert durch Tierwohl
In Österreich setzen mittlerweile sogar einzelne konventionelle Vermarktungsschienen, die nicht biozertifiziert sind, aber Mehrwert durch Tierwohl vermitteln, auf die Aufzucht der Hähne und kommunizieren dies auch beim Verkauf der Eier aus konventioneller Freiland-Legehennenhaltung; beispielsweise die Eigenmarken der Handelskonzerne Rewe (»Toni’s«), Hofer/Aldi (»Fairhof«) oder Lidl (»Tierwohl«). Während das Fleisch der Biobruderhähne gefragt ist und seinen Markt gefunden hat, bleibe die Vermarktung der derzeit jährlich 150.000 konventionellen Bruderhähne laut Robert Sperrer »aber nach wie vor schwierig im österreichischen Handel«. In Deutschland, wo seit 2022 sogar bundesweit kein Küken mehr wegen seines Geschlechts getötet werden darf, wird dieses Gesetz mitunter einfach umgangen. Es gilt nur für deutsche Brütereien. Teilweise kaufen konventionelle Legebetriebe einfach Tiere, die im Ausland geschlüpft sind.
Lösungsansatz 2: »Sexing« im Ei
Wobei die Geflügelbranche ohnehin nie wirklich erwartete, von der ursprünglich im Biobereich entwickelten Bruderhahn-Idee beflügelt zu werden. Im großen Stil soll das Problem der unbrauchbaren männlichen Küken technisch gelöst werden – mittels In-ovo-Früherkennung des Geschlechts, dem sogenannten »Sexing« der Eier. Hier wurden zuletzt einige Methoden zur Marktreife gebracht. Etwa die Hormonanalyse des »Seleggt«-Verfahrens (dessen Entwicklung vom deutschen Bundeslandwirtschaftsministerium mit fünf Millionen Euro unterstützt wurde): Mit annähernd hundertprozentiger Genauigkeit lässt sich durch einen winzigen Nadelstich durch die Eierschale über wenige Tropfen embryonalen Harns klären, ob darin ein weibliches Tier heranwächst. Wenn nicht, wird der männliche Embryo nicht weiter ausgebrütet. In der konventionellen Eierproduktion wird der überwiegende Teil der Legeküken bereits am elften oder zwölften von insgesamt 21 Bruttagen »gesext«. In Ländern wie Belgien und Holland dürfen die abgestorbenen männlichen Embryonen auch zu Tierfutter verarbeitet werden.
Die Biobewegung wollte sich mit dieser industriellen Lösung nie anfreunden. »Eine Technik, die mit dem Ziel eingesetzt wird, eines der beiden Geschlechter – und damit die Hälfte der Tiere – erst gar nicht entstehen zu lassen, ist ethisch abzulehnen«, urteilte die einflussreiche Veterinärmedizinerin Anita Idel bereits 2016 in einem Gastbeitrag für die Schweisfurth-Stiftung. Alle namhaften Bioverbände in Deutschland und Österreich untersagen ihren Bäuerinnen und Bauern, gesexte Legehennen zu halten. Laut EU-Bioverordnung wäre das allerdings möglich.
Lösungsansatz 3: das Zweinutzungshuhn
Während der allergrößte Teil der Bioeier in Deutschland und Österreich von Hybridhennen stammt, deren Legeleistung die Bruderhähne querfinanziert – und die männlichen Tiere derart »durchgefüttert« werden müssen –, sucht ein kleiner Teil der Branche züchterisch nach einer prinzipiellen Lösung, die besser zu Bio passt. Seit zehn Jahren – und damit seit acht Zuchtgenerationen – engagiert sich die gemeinnützige Ökologische Tierzucht (ÖTZ), die von den Verbänden Bioland und Demeter als Gesellschafter getragen wird, für ein »Zweinutzungshuhn«. Ziel ist es, aus mehreren weniger spezialisierten Hühnerrassen ein Huhn herauszuzüchten, das gleichermaßen Fleisch wie Eier liefert (»Zweinutzung«), von dem also Hahn wie Henne wirtschaftlich gehalten werden können, und das besonders zu den Anforderungen an biologische Kreislaufwirtschaft passt. Überraschenderweise drängt diesbezüglich der Schweizer Bioverband Bio Suisse, der seinen Betrieben erst ab 2026 vorschreibt, dass alle männlichen Küken am Leben bleiben müssen, plötzlich nach vorne – und positioniert sich in Sachen Zweinutzungshuhn als besonders fortschrittlich. Auf seiner neuen Positivliste der für Mitgliedsbetriebe zugelassenen Hühner tauchen neben Hybridhühnern, die sich auch in der Bruderhahnaufzucht bewährt haben, erstmals zwei Zweinutzungshühner der Ökologischen Tierzucht auf: die Zweinutzungskreuzungen »Coffee« und »Cream«. Bislang werden in der Schweiz 6000 Coffee- und Cream-Legehennen gehalten, verteilt auf rund 60 Demeter- und Biobetriebe; also auf eher kleinen Betrieben. Erstmals wird nun auch mit einer Herde von 2000 Hennen experimentiert. Nicht nur die ÖkotierzüchterInnen, auch Tierschutzorganisationen hoffen, dass sich das Zweinutzungshuhn bewährt. »Die Aufzucht der Bruderhähne war ein wichtiger erster Schritt, damit der Biobereich vom Kükentöten wegkommt. Das ist gelungen«, sagt Eva Rosenberg von Vier Pfoten Österreich. Die Aufzucht dürfe aber nur ein Zwischenschritt sein, und weiter: »Der einzig weiterverfolgenswerte Ansatz, den fordern wir auch vehement, ist der Umstieg auf Zweinutzungsrassen, die Eier und Fleisch liefern. Hier ist das Potenzial da, das Kükentöten wirklich zu beenden und Tierbestände zu reduzieren. Die Schweizer Biobewegung ist da ganz vorne dabei. Bei uns will man das als Lösung nicht so recht gelten lassen, auch aus Angst vor nötigen Investitionen.«
Eindeutige Position dazu gibt es in der Biobranche derzeit noch keine. Wobei viele darauf hoffen, dass es bald Zweinutzungshühner gibt, die sich als wirklich wettbewerbsfähig bewähren und die derzeitige Praxis eine Zwischenlösung bleibt. Denn die Mast der Bruderküken offenbart ein Dilemma, einen Zielkonflikt zwischen Tierwohl und Klimaschutz: Die Bruderhähne der Legehennen müssen in den wenigen Wochen ihres Lebens intensiv mit Kraftfutter gemästet werden, um überhaupt nennenswert Fleisch anzusetzen. Ein effizienter Einsatz von Ressourcen ist das nicht.
Lösungsansatz 4: Selbst Hühner halten
Im Kleinen lässt sich das Problem manchmal am leichtesten lösen: Wer selbst im Garten oder hinter dem Haus Hühner hält, muss selten auf besondere Wirtschaftlichkeit der Tierhaltung achten. Und wer sich junge Tiere alter Hühnerrassen beiderlei Geschlechts besorgt, selbst aber nur Eier essen und nicht selbst beim Schlachten Hand anlegen möchte, findet im persönlichen Umfeld sicher jemanden, der oder die sich früher oder später gerne der herangewachsenen Hähne annehmen möchte.

BUCHTIPP
»Es war einmal das Huhn« von Astrid Drapela, Goldegg Verlag, 2025.
Amüsant und lehrreich führt diese famose »Forschungsreise durch die bewegte Geschichte von Mensch und Huhn« auch an jene folgenschwere Weggabelung zurück, an der die Genetik von Mast- und Legehuhn züchterisch auseinandergeführt wurde. Ein künftiges Standardwerk.
Einige interessante Fakten über Hühnerrassen, Stubenküken und Protektor-Ziegen hat BIORAMA hier zusammengefasst.
BIORAMA #97
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